„Finanzierung ist der Einstieg, Banking ist die Infrastruktur, und Daten sind die Basis für bessere Entscheidungen.“
Im Interview erklärt Cesar Hussmann, Co Founder von Fleming, warum Ärzte, Zahnärzte und andere Heilberufe spezialisierte Finanzlösungen brauchen. Zudem spricht er darüber, wie Fleming klassische Finanzierungsprozesse verbessern will und welche Rolle AI, Open Banking und Open Finance künftig spielen können.
Die wichtigsten Learnings auf einen Blick
- Heilberufe brauchen spezialisierte Finanzlösungen
- Praxisfinanzierung ist oft noch zu manuell
- Fleming denkt Finanzierung, Banking und Daten zusammen
- AI kann Kreditprozesse schneller und strukturierter machen
Cesar, wer bist du und was macht Fleming?
Ich bin Cesar Hussmann, Co-Founder von Fleming. Wir bauen eine digitale Finanzplattform für Heilberufe, also insbesondere für Ärzte, Zahnärzte und perspektivisch weitere SME-Segmente.
Unser Kern ist heute Finanzierung: Wir helfen Praxen, Finanzierungen für Gründung, Übernahme, Wachstum, Medizintechnik oder Liquidität schneller, transparenter und besser vergleichbar zu bekommen. Fleming verbindet dafür digitale Prozesse, ein eigenes Kredit- und Analyse-Setup sowie ein Netzwerk aus Finanzierungspartnern.
Langfristig ist die strategische Idee größer: Heilberufe brauchen nicht nur einen Kredit, sondern eine integrierte Finanzinfrastruktur für ihre Praxis. Finanzierung, Konto, Karte, Zahlungsverkehr und später auch weitere Module wie Factoring oder Cashflow-Steuerung gehören eigentlich zusammen. Genau an dieser Schnittstelle positionieren wir Fleming.
Fleming fokussiert sich auf Heilberufe. Welches Problem im Finanzmarkt für Ärzte, Zahnärzte und andere Heilberufe habt ihr gesehen?
Das zentrale Problem ist: Heilberufe sind wirtschaftlich sehr attraktive, aber finanzseitig oft schlecht digitalisierte Kundengruppen.
Eine Praxis ist kein normales SME. Die Cashflows sind relativ stabil, die Ausfallrisiken sind im Vergleich zu vielen anderen Branchen oft niedriger, aber die Finanzierungsbedarfe sind komplex: Praxisübernahmen, Investitionen in Medizintechnik, Umbauten, Wachstum, Liquidität, Digitalisierung.
Trotzdem laufen viele Finanzierungsprozesse noch sehr traditionell: viele Unterlagen, lange Bearbeitungszeiten, wenig Vergleichbarkeit, manuelle Bonitätsprüfung und ein hoher Kommunikationsaufwand zwischen Kunde, Bank, Steuerberater und Vermittler.
Unser Eindruck war: Der Markt ist groß, die Zielgruppe ist kreditwürdig, aber der Prozess ist nicht auf Geschwindigkeit, Transparenz und moderne Nutzererwartung ausgelegt.
Warum braucht diese Zielgruppe spezialisierte digitale Finanzlösungen?
Weil Heilberufe fachlich, regulatorisch und wirtschaftlich anders funktionieren als klassische Unternehmen. Ein Zahnarzt, der eine Praxis übernimmt, bewertet nicht nur Umsatz und Gewinn. Es geht um Patientenstamm, Standort, Geräte, Kassensitz, Privatanteil, Investitionsbedarf und oft auch um persönliche Lebensplanung. Eine Bank muss das verstehen, sonst wird der Prozess langsam oder unscharf.
Digitale Finanzlösungen für diese Zielgruppe müssen daher zwei Dinge kombinieren: Effizienz im Prozess und tiefes Verständnis der Vertikale. Standard-SME-Produkte greifen oft zu kurz. Heilberufe brauchen Lösungen, die auf typische Finanzierungsanlässe, Einkommensstrukturen, Praxiskennzahlen und Entscheidungsprozesse zugeschnitten sind.
Fleming kombiniert Finanzierung, Konto und Karte. Welche strategische Idee steckt hinter dieser Kombination?
Die strategische Idee ist, dass Finanzierung nicht isoliert betrachtet werden sollte. Wenn man nur den Kreditprozess sieht, hat man einen einzelnen Moment im Lebenszyklus einer Praxis. Wenn man aber Finanzierung, Konto und Karte kombiniert, entsteht ein viel besseres Verständnis der wirtschaftlichen Realität einer Praxis: Zahlungsströme, Investitionen, Liquidität, wiederkehrende Ausgaben, Cashflow-Verhalten.
Für uns ist das langfristig die Grundlage für bessere Finanzprodukte: schnellere Kreditentscheidungen, bessere Risikobewertung, proaktive Liquiditätsangebote und mehr Automatisierung. Kurz gesagt: Finanzierung ist der Einstieg, Banking ist die Infrastruktur, und Daten sind die Basis für bessere Entscheidungen. Aktuell fokussieren wir uns operativ klar auf die Kreditplattform, aber die strategische Logik der Kombination bleibt richtig.
Viele Finanzprozesse wirken heute digital, sind im Hintergrund aber weiterhin stark manuell. Was bedeutet ein wirklich digitaler Finanzierungsprozess für euch?
Für uns bedeutet digital nicht: ein PDF wird per E-Mail verschickt oder ein Formular sieht online aus. Ein wirklich digitaler Finanzierungsprozess bedeutet, dass der Kunde seinen Finanzierungsbedarf strukturiert erfassen kann, relevante Daten automatisiert verarbeitet werden, die Bonitäts- und Kreditlogik im Hintergrund standardisiert läuft und passende Finanzierungspartner schnell angebunden werden können.
Das Ziel ist nicht, Beratung vollständig zu ersetzen. Das Ziel ist, manuelle Reibung zu reduzieren: weniger doppelte Unterlagen, weniger Medienbrüche, weniger unklare Rückfragen, schnellere Indikation und ein transparenterer Prozess.
Praxisgründung, Praxisübernahme oder Medizintechnik sind große finanzielle Entscheidungen. Wie findet ihr die richtige Balance zwischen digitalem Prozess und persönlicher Beratung?
Die Balance ist entscheidend. Bei großen Finanzierungsentscheidungen geht es nicht nur um Geschwindigkeit, sondern auch um Vertrauen. Unser Ansatz ist: Alles, was standardisierbar ist, sollte digital und effizient laufen. Datenerfassung, Dokumentenstruktur, Vorprüfung, Finanzierungsvergleich und Prozesssteuerung können stark digitalisiert werden.
Aber bei Entscheidungen wie Praxisübernahme, Gründung oder größeren Investitionen bleibt persönliche Beratung wichtig. Der Kunde möchte verstehen: Ist die Finanzierung tragfähig? Passt sie zu meiner Lebensplanung? Welche Bank ist die richtige? Welche Struktur ist sinnvoll?
Welche Rolle kann künstliche Intelligenz im Banking und in der Finanzierung für Heilberufe spielen?
KI spielt für uns eine sehr große Rolle, aber nicht als Buzzword, sondern sehr konkret entlang des Finanzierungsprozesses.
Wir setzen KI bereits heute in eigener Entwicklung für die Dokumentenanalyse ein, zum Beispiel bei BWAs. Dadurch können Unterlagen schneller strukturiert, geprüft und für die Kreditentscheidung vorbereitet werden. Das ist gerade bei Heilberufen wichtig, weil Finanzierungsentscheidungen oft auf vielen unterschiedlichen Unterlagen basieren und der manuelle Aufwand heute noch sehr hoch ist.
Strategisch wird das durch Open Banking und Open Finance noch relevanter. Wenn Finanzdaten mit Zustimmung des Kunden sicher über APIs verfügbar werden, können Finanzierungsprozesse deutlich schneller, datenbasierter und individueller werden. Open Finance erweitert diesen Gedanken über reine Kontodaten hinaus auf weitere Finanzdaten und schafft damit die Grundlage für ganzheitlichere Finanzentscheidungen.
Wichtig ist aber: Gerade bei Banking und Finanzierung darf KI nicht unkontrolliert entscheiden. Sie sollte Entscheidungsprozesse unterstützen, aber Governance, Transparenz, Einwilligung, Datenschutz und regulatorische Kontrolle bleiben zentral.
Sind klassische Banken für Fleming eher Partner, Wettbewerber oder beides zugleich?
Beides, aber primär Partner.
Banken haben Kapital, Bilanz, regulatorische Infrastruktur und jahrzehntelange Erfahrung im Kreditgeschäft. Fleming bringt dafür vertikale Kundennähe, digitale Prozesse, Datenstruktur, Lead-Generierung und eine spezialisierte Plattformlogik für Heilberufe.
In vielen Fällen ist die Kombination stärker als jeder alleine: Banken bekommen besseren Zugang zu einer attraktiven Zielgruppe, Fleming kann über Partnerbanken bessere Finanzierungsangebote machen.
Wenn du fünf Jahre nach vorne blickst: Wie wird sich Banking für Heilberufe und SME verändern?
Banking für SME wie z.B. Heilberufe wird deutlich integrierter, eingebetteter, datenbasierter und proaktiver werden. Heute ist vieles noch produktzentriert: Kredit hier, Konto dort, Karte dort, Steuerberater separat, Praxissoftware separat.
In fünf Jahren wird der Markt stärker in Richtung Plattformlogik gehen. Finanzprodukte werden stärker an konkrete Praxisereignisse gekoppelt: Gründung, Übernahme, Wachstum, Investition, Liquiditätsengpass oder Nachfolge. Genau dort setzt auch unsere Vision an: Banking wird für Heilberufe nicht mehr nur ein einzelnes Bankprodukt sein, sondern Teil eines digitalen Finanzbetriebssystems für die Praxis.
Wofür möchtest du als Gründer im europäischen Fintech-Markt stehen?
Ich möchte für die nächste Generation von Finance Intelligence stehen: also für Finanzprodukte, die nicht nur digital vertrieben werden, sondern Kunden, Daten, Risiko und Entscheidung wirklich besser verstehen.
Europa hat hier eine besondere Chance. Wir haben mit PSD2, PSD3 und FiDA einen regulatorischen Rahmen, der Datenzugang, Kundeneinwilligung und Open Finance stärker strukturiert als viele andere Märkte. Das macht Europa manchmal langsamer, aber langfristig kann genau daraus ein Vorteil entstehen: vertrauenswürdige, regulierte und datenbasierte Finanzinnovation.
Ich glaube, dass die spannendsten Fintechs der nächsten Jahre nicht die breitesten Neobanken sein werden, sondern spezialisierte Plattformen mit tiefer Branchenlogik, starkem Datenverständnis und klarer Monetarisierung. Besonders in B2B, Lending und Embedded Finance.
Dafür möchte ich stehen: AI nicht als Hype, sondern als echte Infrastruktur für bessere Finanzentscheidungen. Open Finance nicht als Regulierungsthema, sondern als Grundlage für intelligentere Produkte. Und Fintech nicht als schöne App, sondern als System, das Finanzierung schneller, transparenter und wirtschaftlich besser mach.


