Börse Stuttgart CTO Peter Großkopf über den radikalsten Umbruch in der Fintech-Welt

 Börse Stuttgart CTO Peter Großkopf über den radikalsten Umbruch in der Fintech-Welt

“Fintech 2.0 setzt am Fundament an. Hier entsteht die Infrastruktur für ein komplett neues Finanzsystem, welches nicht auf SEPA und Swift aufsetzt. Ein deutlich radikalerer Ansatz, wie ihn sich die Fintechs vor einigen Jahren vermutlich auch selber gewünscht hätten.”

Peter Großkopf ist als CTO Geschäftsführer bei der BSDEX/Börse Stuttgart. Im Interview erklärt der Tech-Experte seine klare Vision für die Fintech-Welt und welche Rolle Tokenisierung von Vermögenswerten und Decentralized Finance dabei spielen werden.

Persönlich ist es mir eine Freude, einen alten Fintech-Hasen wie dich im Interview zu haben. Du bist ja bereits seit deiner Zeit bei Finleap im Jahr 2014 in diesem Bereich tätig. Was begeistert dich so sehr an der Branche?

Die Zeit vergeht wahnsinnig schnell. Mir kommt das gar nicht so lange vor. Ich wachse mein ganzes Leben lang schon an Herausforderungen, bei denen man zuerst ins kalte Wasser springt und sich dann nach vorne schwimmt. Ich komme aus der Tech und nicht aus der Fin(anzwelt). Da musste ich am Anfang viel aufholen. Die Solarisbank mit zu gründen war eine krasse Herausforderung. Ich habe vorher noch nie in einer Bank gearbeitet. Man verschafft sich einen Überblick, liest sich ein, redet mit Benchmarks, macht sich Gedanken, wie man Dinge besser machen kann, und setzt das dann um. Herausgekommen ist die vermutlich technisch und organisatorisch schlankeste Banken IT der Welt.

Welche großen Trends siehst du gerade?

Ich beschäftige mich ja schon seit 2016 (erstes Buch gelesen) und 2017 (all in deep dive) mit Blockchain, Kryptowährungen und Tokenisierung. In den letzten zwei Jahren kam noch dazu, was man heutzutage Decentralized Finance (DeFi) nennt. In meinen Augen ist das Fintech 2.0, weil man nicht wie im Fintech 1.0 „nur“ in Kooperationsmodellen mit Banken oder Lizenzgebern endet und schickere, optimierte Benutzerschnittstellen macht, sondern richtig am Fundament ansetzt. Hier entsteht die Infrastruktur für ein komplett neues Finanzsystem, welches nicht auf SEPA und Swift aufsetzt. Ein deutlich radikalerer Ansatz, wie ihn sich die Fintechs vor einigen Jahren vermutlich auch selber gewünscht hätten.

Seit nun knapp 1.5 Jahre bist du CTO bei der BSDEX/Börse Stuttgart. Was hat dich besonders an dem Job begeistert?

Die Börse Stuttgart ist im Vergleich zur Deutschen Börse (in Frankfurt) das kleine gallische Dorf, welches sich immer durch Innovation in der Nische ausgezeichnet hat und dadurch im Vergleich zu anderen Regionalbörsen relevant geblieben ist. Der Underdog zu sein finde ich sympathisch und motivierend. Mit der BSDEX haben wir den ersten regulierten Handelsplatz für digitale Assets in Europa aufgebaut. Die Opportunity, eine solche Firma komplett von null mit aufbauen zu dürfen, hat mich enorm gereizt. Zudem bin ich passionierter Anhänger und „Believer“ in Decentralized Finance. An dieser Bewegung mitzuwirken ist mir ein großes Anliegen.

Inwiefern würdest du sagen, trägt die Börse Stuttgart positiv zu eurer Reputation als Unternehmen bei?

Die Brand „Börse Stuttgart“ ist enorm stark und macht uns Türen auf. Gleichzeitig tragen wir aber auch eine Menge Verantwortung die über hundertjährige Geschichte fortzuschreiben.

Was macht deiner Meinung nach die Lösung der BSDEX so besonders? Inwiefern unterscheidet ihr euch von anderen Anbietern im Krypto-Bereich?

Unser Setup mit verschiedenen in der klassischen Welt etablierten Gruppenunternehmen der Börse Stuttgart ist unique und schafft Vertrauen. Die Baden-Württembergische Wertpapierbörse GmbH ist der regulatorische Betreiber des Handelsplatzes und übernimmt auch die Funktion der externen Marktüberwachung. Die EUWAX als Tochtergesellschaft der Gruppe Börse Stuttgart agiert als Liquidity Provider und die Blocknox GmbH als Custodian. So können wir ein verlässliches und transparentes Setup für private aber auch institutionelle Investoren bieten. Hier sehen wir langfristig sehr viel Potenzial. Nicht nur für Unternehmen, die es MicroStrategy und Square gleich tun wollen und in Bitcoin als Treasury investieren wollen, sondern auch für Order Flow Provider und andere klassische Marktakteure, die ihren Kunden den Handel mit digitalen Assets ermöglichen wollen.

Die BSDEX ist ja ein Joint Venture der Börse Stuttgart und Axel Springer. Welche Bestandteile machen ein Corporate Startup erfolgreich?

Wo soll ich da anfangen (lacht). Corporate Startups unterscheiden sich sehr stark von klassischen Startups. Man profitiert davon, dass schon eine Brand existiert und verschiedene Shared Services (wie Buchführung usw.) einfach nutzen kann und somit nicht selber aufbauen muss. An das investierte Geld sind klare Erwartungen geknüpft. Normale Startups sind VC finanziert. Da geht es um schnelles Wachstum auf „Teufel komm raus“. Entscheidungen sind freier und die Arbeit ist unternehmerischer. Corporate Startups funktionieren in meinen Augen dann, wenn man der Geschäftsführung freie Hand lässt, man Mitarbeiter am Firmenerfolg beteiligt und sich so Unternehmergeist entfalten kann. Man startet so ein Projekt ja gerade, weil Dinge anders gemacht werden sollen als bisher und Mitarbeiter mit anderem (deutlich digitalerem) Background angezogen werden sollen.

Bevor du zur BSDEX kamst, hast du als CTO bei der Solarisbank dort mehr als 3 Jahre das Business vorangetrieben. Du scheinst wohl ein besonderes Faible für B2B Fintechs zu haben oder?

B2B ist spannend. In der heutigen Zeit geht es dann ja immer um technische Integration. Da kommen wir Techniker auf unsere Kosten und bauen die entsprechenden APIs. Die Solarisbank macht es vor und bringt Banking dort hin, wo der Kunde ist. Das nennt sich dann Contextual Banking. Der Handel mit digitalen Assets kann auch noch an sehr viele Orte gebracht werden -dafür sind wir da.

Vor mehr als einem Jahr haben wir uns mal privat über die Digitalisierung aller Asset-Klassen unterhalten. Inwiefern wird diese Bewegung den Markt und auch die Gesellschaft verändern?

Tokenisierung ist ein absoluter Megatrend. Es geht ja nicht nur darum Wertpapiere, Equity oder andere Finanzinstrumente zu digitalisieren.  In Zukunft wird nahezu jedes Objekt eine digitale Repräsentation haben. Strom wird von Solarzellen erzeugt, jede Einheit wird tokenisiert, ins Netz eingespeist und dann als Token gehandelt. Der Handel mit Nutzungsrechten (wie z.B. die Nutzung eines Mietwagens oder einer Airbnb Wohnung) lässt sich ebenfalls abbilden. Man kann über den Token sogar den physikalischen Zutritt ermöglichen und so die Wertschöpfungskette Ende-zu-Ende digitalisieren. Immobilienbesitz kann vom Grundbuch auf die Blockchain wandern und Kauf / Verkauf / Übertragung deutlich vereinfachen. Oder ich kann in Zukunft ein Tausendstel eines Picasso Gemäldes kaufen und handeln, da „Fractional Ownership“ möglich ist. Das ist alles Decentralized Finance. In Zukunft kommen Zinsen und Kredite nicht mehr von Banken. Vielleicht braucht man sogar auch keine Börsenplätze mehr, weil alles Peer-to-Peer über Dezentrale Exchanges läuft … ich glaube, die Use Cases entfalten sich gerade alle. Wird auf jeden Fall enorm spannend in den nächsten Jahren.

Wo sammelst du Inspiration? Welche 3 Bücher haben dich im letzten Jahr am meisten überzeugt?

Ich bin eigentlich kein Mensch, der viele Bücher liest. Mein Kopf fängt immer sofort an zu rattern, so dass ich unendlich lange brauche um ein Buch auszulesen. Die 37signals Bücher waren wie für mich gemacht, allerdings lerne ich da nicht viel neues. Ich bin ein großer Technology Review Fan. Da finde ich wirklich jedes Mal was drin, was meinen Kopf zum Explodieren bringt und mich inspiriert. Nachrichten lese ich via RSS Feeds, die ich aus ca. 600 Quellen ziehe. Ich habe ein gut trainiertes Medium Profil, über welches ich fachspezifische Themen verfolge. Linkedin wird auch immer wichtiger. Meine Hauptinspirationsquelle bleiben aber nach wie vor persönliche Gespräche. Ich kenne eine Menge tolle Menschen. Es ist ein Privileg auf Konferenzen zu sprechen und dort viele Leute kennenzulernen. In der Regel höre ich mir keine Vorträge an, weil ich auf den Fluren, Foyers oder Partys i.d.R. mehr mitnehme.

Letzte Frage: Welchen Tipp würdest du jungen Menschen empfehlen, wenn sie sich für Fintechs interessieren?

Es gibt viele Möglichkeiten sich in das Thema einzuarbeiten. Leider ist es wegen Covid aktuell schwierig auf Veranstaltungen zu gehen, um zu netzwerken. Ich würde versuchen in Kontakt mit der Szene zu kommen und an Projekten mitzuarbeiten. Ideen kommen dann von ganz alleine. Im Finanzbereich gibt es noch viiiieeeel zu tun … 😉

 

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