Chief Commercial Officer vom Fintech FinCompare Timm Wege im Interview

 Chief Commercial Officer vom Fintech FinCompare Timm Wege im Interview

“Den ‘richtigen’ Pfad zu finden ist oft reines ‘trial & error’. Es gibt den Spruch ‘move fast – fail fast’, das heisst, dass man die Lernkurve schnell herunterläuft, insbesondere, wenn es am Markt keine ‘Blaupause’ für das eigene Geschäftsmodell gibt und echte Pionierarbeit geleistet wird.”

Timm Wege von FinCompare über die Probleme der Kreditvergabe für KMUs und wie das FinTech aus Berlin durch den Einsatz von Machine-Learning-basierenden Technologien Unternehmen hilft, einfach die passenden Finanzierungslösungen zu finden.

Fintech FinCompare Timm Wege
Timm Wege, Chief Commercial Officer von FinCompare

Wer bist Du und was machst Du?

Ich bin Timm Wege und derzeit in der Geschäftsführung von FinCompare verantwortlich für die Zusammenarbeit mit unseren Banken und Finanzierungspartnern.

Was waren Deine ersten Berührungen mit der Finanzindustrie?

1993 begann meine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Berliner Sparkasse, bereits 1992 hatte ich jedoch in der Landesbank Berlin ein halbes Jahr als Aushilfe gearbeitet und konnte so in eine Bank “hineinschnuppern”.

Wann wurdest Du das erste Mal mit dem Begriff Fintech konfrontiert?

Das war viel später, als ich 2014 aus dem Investmentbanking der Landesbank Berlin zu smava wechselte und als Director Key Account & Supply Management anfing. smava ist eines der ältesten FinTechs in Deutschland, gegründet 2007, als es den Begriff FinTech noch gar nicht gab.

Was muss ein Unternehmen machen, um sich als Fintech bezeichnen zu können?

In irgendeiner Art und Weise sollte das Unternehmen sowohl mit Technologie, als auch mit Finanzen zu tun haben. Das Spektrum ist dabei sehr breit und es können unterschiedlichste Schwerpunkte und Module eine Rolle spielen.

Was denkst Du machen etablierte Unternehmen besser als Fintechs?

Ich würde nicht sagen “besser”, es ist eher die Bereitstellung einer klaren Struktur für Arbeitnehmer. Die größte Herausforderung in einem FinTech zu arbeiten, stellen m. E. die Veränderungsgeschwindigkeit und die Notwendigkeit flexiblen Denkens und Lernens dar, um sich als Arbeitnehmer an die Veränderungsgeschwindigkeit anzupassen. Darüber hinaus ist auch der “workload” immens, vielleicht vergleichbar mit Investmentbanking oder der Unternehmensberatung. Viele Mitarbeiter und Manager die von etablierten Unternehmen in FinTechs wechseln, kommen aus eben diesen Sektoren.

Was kann man von Fintechs lernen?

Es sind verschiedene Aspekte, auf die bei FinTechs m. E. Wert gelegt werden, um sich am Markt zu behaupten:

1. Reduzierung von Komplexität

Das Zerlegen von komplexen Produkten oder Prozessen und die praktische Abbildung der wichtigsten Bestandteile in einer möglichst einfachen Art und Weise ermöglicht späteres Skalieren. Was unbedingt vermieden wird, ist De-Fokus und die Beschäftigung mit “edge cases”.

2. Hohe Geschwindigkeit bei der Erstellung von Produkten

Zunächst werden Dinge probiert, als sogenannte MVP-Lösungen oder besser noch MLP-Lösungen (Minimum Lovable Product), erst bei ausreichender Erfolgswahrscheinlichkeit wird verbessert und automatisiert, dadurch kommt das Feedback vom Markt sehr schnell und die knappen Ressourcen in Product Management und Tech werden nicht verschwendet.

3. Hohe Entscheidungsgeschwindigkeit und schnelle Richtungswechsel, wenn gefordert

Den “richtigen” Pfad zu finden ist oft reines “trial & error”. Es gibt den Spruch “move fast – fail fast”, das heisst, dass man die Lernkurve schnell herunterläuft, insbesondere, wenn es am Markt keine “Blaupause” für das eigene Geschäftsmodell gibt und echte Pionierarbeit geleistet wird. Dadurch passen sich erfolgreich Start-ups (nicht nur FinTechs) schnell genug an Marktgegebenheiten an, insbesondere wenn es sich um Geschäftsmodelle handelt, die schnell Umsatz produzieren müssen.

Welche Trends in der Fintech-Branche sind momentan für Dich besonders relevant?

Es sind viele Ideen bereits mehrfach am Markt von verschiedenen Anbietern in ähnlicher Art und Weise umgesetzt und es findet nun eine Sortierung im Markt statt. Ich denke, in den meisten Geschäftsmodellen ist Platz für drei Spieler, von denen der Dritte schon zu tun haben wird die Profitabilität zu erreichen.

Entwicklungen sehe ich durchaus in den Bereichen BlockChain und Data-Analytics. Hier kommen etablierte Unternehmen wie Banken – oft in Kooperation mit FinTechs – immer mehr ins Spiel und nutzen diese Technologien stärker für die eigenen Geschäftsmodelle. Das verursacht auch eine Veränderung der FinTech-Industrie hin zu einer neuen Partnerschaftlichkeit anstatt der früher viel befürchteten Disruptions-Situation. Auch die Angebote in Bezug auf Nutzung von FinTech-Plattformen als Label-Solutions mit einem SaaS-Ansatz ist zuletzt stärker zu beobachten, was ebenfalls für einen stärkeren Partnerschaftlichkeits-Ansatz in der Branche spricht.

Fincompare bietet eine neue Form der Kreditvergabe für KMUs. Bitte stelle Fincompare kurz vor.

Wir wissen wie kompliziert und verwirrend Finanzierungsanfragen für die meisten KMUs sein können – FinCompare macht es einfach. Mit FinCompare können KMU das wahre Potenzial ihres Unternehmens ausschöpfen.
FinCompare.de ist eine innovative Finanzierungsplattform, die Kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) hilft, passende Finanzierungslösungen zu finden, zu vergleichen und abzuschließen.
Unsere auf Machine-Learning-basierende Technologie verbindet das Unternehmen mit potenziellen Finanzierern, die bereits vergleichbare Unternehmen erfolgreich finanziert haben und somit den individuellen Finanzierungsbedarf der Industrie des Unternehmens verstehen und eine Erfolgsbilanz in der Finanzierung ähnlicher Kunden nachweisen können.

Kleine und mittlere Unternehmen haben nach wie vor Schwierigkeiten, ihren Finanzbedarf zu decken. Was sind die Gründe für diese Situation?

Aus meiner Sicht wurde der Zugang der eher kleinen Unternehmen seit der Coronakrise noch einmal deutlich erschwert. Wir suchen für unsere Kunden daher häufig Alternativen zu unbesicherten Bankkrediten, etwa durch Kredite, die mit Sicherheiten wie Immobilien oder Maschinen unterlegt sind.

Viele unserer Kunden haben zwar Kontoverbindungen, aber keine klassische Hausbank-Beziehung mit Kredithistorie. Kleine Betriebe und Freiberufler haben häufig nur eine Kontoverbindung, da Kredite in der Vergangenheit nicht relevant für sie waren. Gerade Firmen mit bis zu fünf Millionen Euro Umsatz und zehn bis 50 Mitarbeiter kommen derzeit häufig zu uns, um Fördermittel zu beantragen. Wir haben zwar eine Hotline geschaltet, die zu Fördermitteln berät, können selbst aber keine Fördermittel auszahlen, dazu benötigen wir im Anschluss immer eine Bank.

Auf Ebene der Banken werden viele Anfragen auf Fördermittel abgelehnt, vor allem weil es sich nach EU-Definition um Unternehmen in Schwierigkeiten handelt, die von vorneherein ausgeschlossen sind. Das trifft oft auch auf Firmen zu, die eigentlich überlebensfähig wären. Ich bin überrascht, wie viele da durchs Raster fallen.

Mein Eindruck ist, dass die Banken derzeit insgesamt sehr zögerlich sind. Einerseits weil ihr Risikoappetit gesunken ist, andererseits weil sie sich stark auf ihre Bestandskunden konzentrieren.

Aus welchen Branchen kommen besonders viele Finanzierungsanfragen und was glaubst ist der Grund dafür?

Der Branchenmix ist sehr breit, die am stärksten von der Krise gebeutelten Branchen wie Tourismus / Gastronomie / Events / Sport aber auch der Immobiliensektor sind natürlich vertreten. Aber auch Handwerksbetriebe und Handel sind stark mit dabei.
Ich könnte mir vorstellen, dass die Nachfrage nach Krediten insbesondere mit Fördermitteln im Herbst noch einmal ansteigt. Gerade kleinere Firmen – egal welcher Branche – machen nicht unbedingt eine mehrjährige Liquiditätsplanung und so kommen insbesondere kleinere KMUs stärker mit Anfragen zu uns.

Banken und Sparkassen sind im KMU-Kreditmarkt dank langjähriger Beziehungen stark positioniert. Welchen Mehrwert bietet Ihr, um diesen Markt aufzubrechen?

Nur 50 % der KMUs kontaktieren mehr als einen Finanzierer bei konkretem Finanzierungsbedarf – die meisten Unternehmen haben keinen Zugang zu einem optimierten Finanzierungsmix, um das komplette Wachstumspotenzial auszuschöpfen. Hier setzen wir an und mit entsprechendem Marketing fördern wir den auch hier zu erkennenden Trend zu verstärkter Nutzung von Online-Kreditplattformen durch KMU.

Sehr gut finanzierte Fintechs wie Revolut und N26 scheinen sich im KMU Bereich ebenfalls zu positionieren. Mittlerweile bieten diese auch Konten für Firmen an und weiten ihr Angebot für KMUs aus. Wie bewertest Du den Eintritt solcher potenzieller Wettbewerber?

Das Angebot von Kontolösungen stellt zwar ein Ankerprodukt für die genannten Firmen in der Kundenbeziehung dar, die Abbildung der sehr viel komplexeren Kreditprozesse wäre für diese Anbieter genau ein De-Fokus, den FinTechs eher meiden. Hier läuft es m. E. eher auf Kooperationen hinaus, unsere Kreditplattform könnte unproblematisch als Label-Komplettlösung integriert werden, ohne die Kundenschnittstelle zu verlieren. Wir verstehen uns eben nicht als Lead- und Volumen-Aggregator wie die großen Plattformen im Bereich Consumer Lending, sondern als Plattform auf der diverse Partner in beliebiger Intensität zusammenarbeiten können.

Wer sind Eure aktuellen Konkurrenten?

In den letzten Monaten sind etliche Kreditplattformen de facto wieder vom Markt für KMU-Finanzierungen verschwunden. Aktuell ist Compeon als verbleibender Anbieter in Deutschland zu nennen, wenn auch mit einer anderen Ausrichtung, die eher einer technologiegestützten Corporate Finance Boutique entspricht im Gegensatz zu unserem Ansatz einer Plattform-Ökonomie.

Wie genau funktioniert FinCompare, wenn ich als KMU eine Finanzierung benötige?

Der Kunde wird über unsere Webseite durch einen kurzen “onboarding funnel” geführt. Danach übernimmt ein professioneller Berater (das kann ein interner Berater oder externer Partner wie ein Finanzmakler sein oder auch ein Bankberater, wenn die Bank unsere Plattform einsetzt) und erhebt die Kundensituation im Detail mithilfe von dynamischen Fragebäumen in unserer Plattform. Am Ende empfiehlt unsere Matching Engine dem Berater den oder die passenden Finanzierer und die entsprechenden Produkte. Dieser legt mit dem Kunden dann den konkreten Finanzierungsmix fest und startet die Anfragen bei den jeweiligen Finanzierern. Die dafür jeweils notwendigen Unterlagen werden vom Kunden hochgeladen und über die Plattform an den Finanzierer weitergeleitet. Bis zur Auszahlung begleitet der Berater den Kunden dann durch die notwendigen Prozesse.

Wie siehst Du die Zukunft für KMU-Finanzierungen und Anbietern wie Fincompare?

Die Tatsache, dass KMU das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden ist unbestritten. Über 6,6 Millionen Unternehmen und Selbstständige stellen über 99 % aller Unternehmen in Deutschland. Der Kreditbestand für diese Unternehmen liegt bei mehr als 200 Mrd. EUR mit einem Wachstum von über 7 % p.a. Diese Kleinteiligkeit und die Marktgröße sowie der Trend von Offline zu Online bietet eine gute Basis für Geschäftsmodelle die sich mit der Digitalisierung und Automatisierung der entsprechenden Kreditprozesse befassen.

Was sind die wichtigsten Punkte, auf die man bei der Beantragung einer Unternehmensfinanzierung achten sollte?

Die drei wichtigsten Punkte sind:
1. Halten Sie die letzten beiden Jahresabschlüsse und eine aktuelle BWA bereit bzw. die Einnahmeüberschussrechnungen und Steuerbescheide der letzten beiden Jahre.

2. Lassen Sie sich von Profis über den besten Finanzierungsmix beraten und berücksichtigen Sie neben Kredit und Leasing insbesondere auch alternative Finanzierungsformen die die Bilanz entlasten (z. B. Factoring / Einkaufsfinanzierung / Sale & Lease Back).

3. Lassen Sie den sinnvollen Einsatz von Fördermitteln durch Ihren Berater prüfen.

Was war Deine bisher größte Herausforderung in Deinem Job?

Die mehrfachen Anpassungen an die durch die Corona-Krise verursachten Veränderungen sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite in einer unglaublich kurzen Zeit während das Unternehmen selbst ja auch in der Übergangsphase vom Early Stage Start-up in die nächste Professionalisierungs-Stufe geführt werden musste, stellten die bisher größten Herausforderungen für mich dar.

Was unternimmst Du als Ausgleich zu Deinem Job?

Unternehmungen mit meiner Familie bieten mir den besten Ausgleich. Zum Stressabbau gehe ich auch regelmäßig in die Sauna, eine wichtige Gesundheitsmaßnahme!

Wo sammelst Du Inspirationen?

Ich lese viel, Bücher zum Thema Management zum Beispiel, aber auch Biografien von interessanten Persönlichkeiten. Außerdem tausche ich mich mit anderen Personen aus, von denen ich lernen möchte.

Welchen Tipp möchtest Du FinTech-Unternehmern geben?

“Complexity Kills” – Reduziert Komplexität wo immer möglich und so weit wie möglich, das ist meine wichtigste Erkenntnis und diese möchte ich gerne weitergeben.

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